Eine GPS Mitarbeiterin, zwei GPS Beschäftigte, eine Tierpflegerin sind zusammen mit drei Schafen.

Neues bei der GPS

Wo „wollige Therapeuten“ die Menschen berühren

Zu Besuch bei der tiergestützten Intervention auf dem Hof Oyensburg

Tiere nehmen den Menschen an, wie er ist. Eine Erfahrung, die vor allem für Menschen mit Beeinträchtigungen wertvoll sein kann. Als Fachkraft für tiergestützte Intervention bietet Susanne Schönwälder diese Erfahrung auch für Menschen in der GPS.
Eine GPS Mitarbeiterin, zwei GPS Beschäftigte, eine Tierpflegerin sind zusammen mit drei Schafen.
Susanne Schönwälder (von links), Sandra Sudhoff, Rolf Junkers und Klaus-Dieter Hirsch genießen die Zeit inmitten der kleinen Schafherde.

„So sehen die Hände aus, wenn ordentlich gekrault wurde“, sagt Susanne Schönwälder und zeigt ihre schwarzen Finger. Erde, Fett und kleine Haare kleben daran, zeugen von einer wunderbaren letzten Stunde. Susanne Schönwälder ist Fachkraft für Tiergestützte Intervention, hat an diesem Tag zwei Beschäftigte aus der GPS Werkstatt in der Planckstraße zu Gast. Gemeinsam sitzen sie in der Reithalle, um sie herum eine kleine Herde Schafe. Die Tiere haben sich ausgiebig streicheln lassen, die Berührungen teils sogar aktiv eingefordert. „Das war einfach fantastisch“, schwärmt Rolf Junkers und strahlt.

Gemeinsam mit Klaus-Dieter Hirsch und der Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung, Sandra Sudhoff, ist Rolf Junkers immer mittwochs zu Gast auf dem Begegnungshof Oyensburg. Susanne Schönwälder hat den Hof in den vergangenen Jahren aufgebaut, sich hier einen Traum erfüllt. Seit 2019 bietet sie als Fachkraft tiergestützte Therapien an. Die GPS ist ihr Hauptauftraggeber, angegliedert ist sie bei der Jugendhilfe. Sie arbeitet aber auch mit Kindergärten oder Privatpersonen.

Eine GPS Mitarbeiterin und ein GPS Beschäftigter. Der GPS Beschäftigte streichelt ein Schaf.
Zeit mit den Tieren gibt Selbstbewusstsein

Auf ihrem Hof leben Schweine, Ponys, Esel, Hühner, Kleintiere und Schafe. Letztere stehen an diesem Mittwoch buchstäblich im Mittelpunkt. Susanne Schönwälder hat in der Reithalle einen kleinen Stuhlkreis aufgebaut. Bevor die Tiere kommen, erklärt sie den richtigen Umgang, holt Wolle aus einem großen Sack und gibt sie den Besuchern. Mit allen Sinnen erkunden sie die Beschaffenheit, den Geruch, spüren das Fett, das auf den Händen zurückbleibt.

Was spielerisch aussieht, kann vieles bewirken. „Die Zeit mit den Tieren gibt vielen Menschen Selbstbewusstsein“, sagt Schönwälder. Für die Tiere sei es völlig egal, wer das Gegenüber sei, was der Mensch im Leben für ein Paket zu tragen habe. Sie nehmen ihn an – mit allen Ecken und Kanten.

GPS Mitarbeiterin, GPS Beschäftigte und eine Tierpflegerin. Ein GPS Beschäftigter streichelt ein Schaf.
Die Beschäftigten sind ganz im Moment

„Ihr müsst die Schafe erst an Euren Händen riechen lassen“, erklärt Susanne Schönfelder. Danach dürfen die Tiere unter dem Kinn oder dem Hals gestreichelt werden – solange sie es selbst wollen. „Durch den Umgang mit den Tieren können unsere Besucher lernen, Distanz zu halten“, sagt sie. Eben nicht sofort auf andere einzustürmen, nicht ins Gesicht zu fassen, erst zu lesen, wie viel Nähe das Tier – oder der andere Mensch – zulassen möchte.

Von draußen dringt mittlerweile ein Mähen in die Halle, die Besucher lauschen aufgeregt. Dann ist es endlich soweit: Schönwälder geht zur Weide, holt die Schafe herein. Langsam nähern sich die Tiere, lassen sich anfassen, erst sanft streicheln, dann kräftig kraulen. Die Nervosität, die Unruhe, alles ist plötzlich verschwunden. Die beiden Männer lassen sich voll und ganz auf die Tiere ein, genießen die Nähe, sind ganz im Moment.

Nach nur wenigen Minuten traut Rolf Junkers sich sogar auf den Boden zu den Tieren. Er sitzt auf einer Matratze, die Schafe kommen nah, kuscheln sich an ihn, lassen Nähe zu und spenden Wärme. Junkers kann nichts sehen, diesen Moment aber kann er richtig fühlen.

Ruhe mit ihn die Werkstatt nehmen

Auch Klaus-Dieter Hirsch ist ganz versunken. Er lässt sich auf die Tiere ein, streichelt immer wieder Hals und Brust der Schafe. In der Halle wird es ruhig, alle Bewegungen sind bedacht und langsam, niemand möchte die Tiere erschrecken. „Wir fahren runter, kommen zur Ruhe – und die Beschäftigten nehmen diese Ruhe mit zurück in die Werkstatt“, sagt Susanne Schönwälder.

Schließlich ziehen sich die Schafe zurück, brauchen nun selbst eine Pause, kommen wieder auf die Weide. Auch für den Besuch ist es Zeit, zurück in die Werkstatt zu fahren. Beide Männer strahlen, der Besuch auf dem Hof war für sie und auch für ihre Begleiter eine wunderbare Auszeit vom Alltag. „Ihr seid ganz tolle Menschen“, ruft Schönwälder den beiden zum Abschied zu, „sonst wären die Schafe nämlich nicht zu Euch gekommen“.

Tiergestützte Intervention

Die tiergestützte Intervention wirkt spielerisch, erreicht aber sehr viel: Mit Hilfe der Tiere können beispielsweise Berührungsängste abgebaut werden, sämtliche Sinne werden geweckt. Über das Streicheln der Tiere wird die Eigen- und Fremdwahrnehmung geschult: Wie fühlt sich das Fell an, wie fühlst Du Dich dabei? Zudem sorgen die Tiere für Ruhe, der Alltag wird für einen Moment vergessen, die Teilnehmer sind ganz im Hier und Jetzt. Auch das Nein-Sagen kann trainiert werden: Die Tiere brauchen klare Ansagen, viele Teilnehmer entwickeln den Mut, ihren Bereich abzustecken. Mit Tieren ist das leichter zu üben als mit Menschen, sagt Susanne Schönwälder. Als weiteres Beispiel der vielfältigen Arbeit nennt sie das Vorlesen bei einer Lernschwäche: Tiere bewerten nicht. Ihnen ist egal, wie gut der Mensch liest, sie nehmen ihn einfach an, wie er ist.

Der Hof

Auf den Hof Oyensburg von Susanne Schönwälder leben Schafe, Esel, Kühe, Schweine, Ponys, Hühner, Meerschweinchen, Hasen und Schildkröten. Vor dem Besuch informiert sie sich über den Menschen, der zu ihr kommt, baut ein entsprechendes Setting auf und wählt die Tiere, die am besten zur Situation passen. Neben der Arbeit für die GPS besucht sie Kindergärten und bietet auch Stunden für Privatpersonen an – als Therapie oder besondere Möglichkeit, Tiere kennenzulernen.

www.hof-oyensburg.de

 

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